Auf den Spuren der Mauren

Marokko - Minztee

Marokko - Minztee

Laut, staubig, aufdringlich – die ersten Schritte als Europäer in Marokko sind ein Schock. Noch bevor man in die bunte Mischung aus Souqs (Märkten), Medersas (Koranschulen) und Palästen eintauchen kann, stellt sich die dringliche Frage: Wie komm ich an Körper und Gemüt unbeschadet an den Taxifahrern, Stadtführern und Restaurant-Keilern vorbei, die alle gleichzeitig um mich wetteifern? Das heiße Wetter (35 Grad im Oktober) und das Gassengewirr abseits jeder Stadtplanung tun das Übrige, um an meinem Nervenkostüm zu zerren.

Drei Wochen war ich auf den Spuren der Mauren unterwegs: angefangen in Sevilla, der Hauptstadt von Andalusien (früher el-Andalus), über die Meerenge von Gibraltar in die alte Königsstadt Fez und nach einem Abstecher an den Atlantik bei Essaouira schließlich zur „Perle des Südens“, Marrakesch. Mehr als 2000 Kilometer in Zügen, Bussen und auf Fähren. Und etliche mehr zu Fuß, weil man marokkanische Städte prinzipiell nur so entdecken kann.

Sevilla - Botschaftersaal im Alcazar

Sevilla - Botschaftersaal im Alcazar

Andalusien hat sich nicht nur wegen der geografischen Nähe und des ähnlichen Klimas als perfekter Ausgangspunkt erwiesen: Die Architektur im südlichen Spanien ist stark gezeichnet von 700 Jahren muslimischer Herrschaft. Die Giralda, der Glockenturm der Kathedrale von Sevilla, ist ein umgebautes Minarett, die Mezquita in Córdoba war früher eine Moschee, und die Paläste (Alcazar) der christlichen Herrscher wurden von muslimischen Mudejar-Architekten errichtet. Geometrische Muster, Hufeisenbögen, Patios (Innengärten) und Mosaike bieten einen Vorgeschmack auf den Baustil der Sehenswürdigkeiten jenseits der Meerenge von Gibraltar.

Marrakesch - Katze im Saadiergrab

Marrakesch - Katze im Saadiergrab

Allerdings sind die Denkmäler in Marokko mitunter in miserablem Zustand: Tauben und Störche nisten in Königsgräbern, Katzen streunen durch Paläste, deren Wände zerbröseln. Aber das, was man als Europäer unter Sehenswürdigkeit versteht, spielt in Marokko nur eine Nebenrolle – die Höhepunkte sind das Stadtleben in den engen Gassen und auf den Souqs. Die mittelalterliche Medina (Altstadt) von Fez mit ihren verwinkelten Gassen verurteilt jeden Orientierungsversuch zum Scheitern. Esel sind die einzigen Transportmittel, die sich zwischen den Standln der Märkte durchzwängen können. Leder und Keramik stapeln sich in den Geschäften, in denen die Touristen schnell zum „Mon Ami!“ der Händler werden.

Marrakesch - Artisten am Djemaa al Fna

Marrakesch - Artisten am Djemaa al Fna

Wesentlich offener ist im Vergleich dazu Marrakesch– nicht nur was die Breite der Straßen, sondern auch die Mentalität der Menschen betrifft: Anstelle der strengen arabischen Religiösität in Fez, wo die Koranschule Bou Inania das Leben bestimmt, tritt berberische Musik und Mystik. Das Lebensgefühl von Marrakesch erspürt man am besten am Hauptplatz, dem Djemaa al Fna: Akrobaten springen durch die Lüfte, Gnawa-Musiker wirbeln ihre Köpfe, Greise erzählen Geschichten (das ist zwar immaterielles Weltkulturerbe, aber leider nur in arabisch) und Schlangenbeschwörer und Affenzähmer wollen ein paar Dhiram für ein Foto.

Das alles wird einem schnell mal zu viel. Zum Glück gibt es an jeder Ecke ein kleines Lokal, das Thé à la Menthe (Minztee) anbietet. Von schattigen Terrassen aus lässt sich das bunte Gewirr gemütlich beobachten und mit einem Schluck des marokkanischen Nationalgetränks der Kulturschock langsam verdauen.

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Eine Antwort zu Auf den Spuren der Mauren

  1. ernstl schreibt:

    Sehr netter Beitrag, danke für die Mühe!

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