Selbstversuch mit Seneca in St. Hanappi

Wenn die Menge im Stadion tobt, dann kann sich auch kein Sokrates ihrem Einfluss entziehen, warnt der römische Philisoph Seneca in seiner „Gefahr der Vermassung“ vor der Auflösung des Ichs im Taumel der kollektiven Emotionen. Aber weil die Warnung auch schon 2000 Jahre auf dem Buckel hat und ich zum Selbstversuch tendiere, habe ich mich von meinem Neffen zu meinem ersten Stadionbesuch seit 15 Jahren überreden lassen – ausgerechnet zum ersten Rapid-Spiel vor Publikum nach dem Platzsturm im Wiener Derby im Mai.

Nun bin ich nicht gerade ein Fan des österreichischen Fußballs und dementsprechend powidl war mir das Ergebnis. Die Stimmung wollte ich miterleben, und davon hab ich in St. Hanappi mehr mitbekommen, als ich wollte. Schon beim Eingang wurde mir ein wirres Pamphlet der vereinten Fanszene „United We Stand in die Hand gedrückt: Man fühle sich kollektiv beleidigt wegen der Distanzierung des Clubs von den Platzstürmern. Die Westtribüne, aus der die Platzstürmer gekommen sind, hat das ganze Spiel hindurch aus Protest keinen Laut von sich gegeben, außer zum Einklatschen der Rapid-Viertelstunde. Dafür waren die anderen Fans umso lauter: „Hängt den Bimbo“- und „Schiri, du schwarze Sau“-Rufe waren die Glanzlichter der vielbeschworenen Stadion-Atmosphäre.

Die Aggression, der Frust und die Spannung der Zuschauer ist spurlos an mir vorübergegangen, dazu bin ich wohl zu sehr Kopfmensch – und wohl zu wenig Rapid-Fan. Entgegen der Warnung von Seneca hat allerdings auch mein Ich das Eintauchen in die Masse unbeschadet überstanden. Vielleicht hätte er auch mal einen Selbstversuch im Amphitheater machen sollen, anstatt aus der sicheren Distanz des elfenbeinernen Turmes der Philosophie über Stadionbesucher zu schimpfen.

Wie dem auch sei, unbefriedigend war der Stadionbesuch nicht nur für mich: Die Partie ist mit einem mauen Null zu Null ausgegangen.

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2 Antworten zu Selbstversuch mit Seneca in St. Hanappi

  1. tschossener schreibt:

    Du mußt eigentlich offener dran gehen und den SElbstversuch mit einer Gruppe machen die du kennst, die Fußball begeistert ist, dann siehst du wie sie mitzittern. Von AUßen ist es immer schwieriger, doch das wichtige ist ja das gmeinsame Erfühlen der Freude und dEs Leid was die Mannschaft und die Fans durchmachen

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