Jüdischer Widerstand per Hauswand

Kegnschtelik - Jiddischer Widerstand
Kegnschtelik – Jiddischer Widerstand

Mit Schriften auf Mauern haben Juden historische Erfahrung: Während des Exils in Babylon im 6. Jahrhundert vor Christus tauchte auf der Mauer des Königspalastes eine Flammenschrift auf, und nur der Prophet Daniel konnte die Worte Mene mene tekel u-parsin“ lesen. Wenig später war der König tot, und ein paar Jährchen später die Juden frei*.

Sehr viele Jahre und zahlreiche jüdische Exile später tauchen nun auf den Hausmauern des Wiener Karmeliterviertels flammendrote Graffitis auf: Die Gruppe oder Person „Kegnschtelik“ (was auf jiddisch so viel wie widerspenstig, widerständig heißt) ruft zum „Jiddischen Widerstand 3.0“ auf.

Erstes Opfer der Spray-Attacke war nicht ganz zufällig die Leopoldskirche: Nachdem der Heilige Leopold – seines Zeichens Kaiser von Österreich – im Jahr 1670 die Juden im Unteren Werd (dem heutigen Karmeliterviertel) vertrieben hat, ließ er anstelle der Synagoge die Leopoldskirche errichten. Die Graffitis auf der Kirche sind innerhalb weniger Tage verschwunden, dafür tauchen die Schriftzüge nun überall im Karmeliterviertel auf und fordern „Wien muss wieder Mazzes werden“ und eine Umbenennung der Leopoldstadt in „Mazzes-Insel“ (wobei Mazzes die ungesäuerten Brote der Juden sind und die Gegend um den Karmelitermarkt wegen der zahlreichen orthodoxen Juden ohnedies schon Mazzes-Insel genannt wird). Die konkreteste Forderung ist jene nach 63.000 Wohnungen für die Nachkommen der vertriebenen oder ermordeten Juden – eine Anspielung auf die Arisierungen in der NS-Zeit.

Ihre / seine Identität verrät Kegnschtelik nicht. Eine kurze Google-Recherche bringt als einzigen Treffer eine Gruppenausstellung in Innsbruck, an der auch Kegnschtelik beteiligt ist. Ob nach diesen Flammenschriften mit historischen Anspielungen und ironischen Forderungen auch ein Herrscher dran glauben muss, bleibt offen – für Kaiser Leopold I. ist Kegnschtelik jedenfalls 300 Jahre zu spät dran.

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6 Antworten zu Jüdischer Widerstand per Hauswand

  1. Klemens schreibt:

    Sehr spannende Initiative!!! Damit kann ich dir nur sagen: Gut, nein wunderbar, dass es deinen Blog gibt, weil ich sonst nie an diese Info gelangt wäre! Weiter so, Herr Lichtenberger!!

    Eine kleine Korrektur hätt ich noch anzubringen: Kaiser Leopold I., der die Juden aus Wien vertrieben hat, ist – zum Glück – nicht heilig – der Heilige Leopold ist der Babenberger Herzog Leopold III., der von 1073 bis 1136 gelebt hat. Interessanter- und lustigerweise hat genau der Kaiser Leopold I. den Heiligen Leopold zum Landespatron für Österreich erklärt (1663). Und der Heilige ist stark mit Klosterneuburg verbunden, wo er auch begraben ist, weshalb die frischgebackenen Autrofaschisten am Leopoldstag des Jahres 1933 dort auch gleichmal mit ihm das christliche Abendland gefeiert haben, das sie verteidigen wollten…;-)

  2. ich schreibt:

    ausstellung war und wird auch wieder im wuk sein:
    http://www.wuk.at/wuk/kunst/kunsthalle_exnergasse/ausstellungen

  3. Pingback: Bild der Woche – Mazzesinsel

  4. Pingback: Jiddischer Widerstand 3.0 « °°°

  5. agnosis schreibt:

    Toll! Und morgen beschmieren wir eine Synagoge mit Ostküsten-Sprüchen! Oder machen alle Juden für Lehmann und Goldmann verantwortlich. Kinder – werdet vernünftig!

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