Augarten-Flakturm: Ode an die Hässlichkeit

Flakturm im Augarten

Flakturm im Augarten

Schmutzig, grobschlächtig, überdimensional: Wie ein dunkles Tier hockt der Flakturm inmitten des Wiener Augartens – ein Relikt aus vergangenen Zeiten, eine Ritterburg des 20. Jahrhunderts, eine hässliche Warze, die das langweilig-glatte Antlitz der barocken Gartenanlage erst interessant macht. Und eine hervorragende Inspiration für einige der besten Geschichten und Legenden der Nachkriegszeit.

Kurz vor Kriegsende fertiggestellt hatte der Geschützturm mit dem Codenamen „Peter“ alles, um als Trutzburg monatelang einer Belagerung durch die Alliierten standzuhalten: Generatoren, Krankenstation, Vorräte und Munition für Monate.  „Fight Club“-Autor Chuck Palahniuk skizzierte bei einem Wien-Besuch in wenigen Worten ein Horror-Epos über das Leben und Sterben im belagerten Turm, wo bald „Mord und Totschlag, Raub, Vergewaltigungen, das nackte Chaos, am Ende Kannibalismus“* herrschen würden.

Dazu ist es bekanntlich nicht gekommen, Wien ist praktisch kampflos an die Rote Armee übergeben worden. Dadurch blieben auch die Vorräte im Lager der Türme unangetastet: Trockennahrung, Wehrmachtsdecken, Verbandsmaterialien landeten erst nach Kriegsende auf dem Schwarzmarkt, bis eine Serie von Explosionen im November 1946 dem Treiben ein Ende setzte: Spielende Kinder oder unachtsame Diebe – die genaue Ursache wird nie geklärt – haben ein Munitionslager in den oberen Etagen in Brand gesetzt. Doch ebenso wie spätere Sprengversuche der russischen Armee können die Detonationen dem Stahlbetonkoloss nichts anhaben.

Seither sind die Eingänge zugemauert, was den Mythen rund um den Flakturm keinen Abbruch tut: Unterirdische Verbindungstunnel bis zum Stadtzentrum, verborgene Nazi-Schätze, degenerierte Mutantentauben*, eingemauerte Wehrmachts- und gehenkte russische Soldaten – und natürlich die Geschichte von tödlichen Hundekeksen, fanatischen Kampfmüttern und dem größenwahnsinnigen Architekten, die Wolf Haas im Buch „Wie die Tiere“ erzählt.

Auch wenn der Beton verwittert und der Flakturm zwei Ohren, also Abschussrampen für die kleinen Geschütze, eingebüßt hat, der Koloss behält seine bedrohliche, entrische* Aura. Was ihn gemeinsam mit seinen Geschichten und seiner monumentalen Hässlichkeit zum spannendsten Ort Wiens macht.

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