Blut und Beuschel im Mariandl-Hof

Wiener Kriminalmuseum

Wiener Kriminalmuseum

Zwischen den Gründerzeit-Bauten und Autogaragen der Leopoldstadt zwickt sich in der Sperlgasse ein Haus, das mit seinen grünen Fensterläden und ausladenden Torbögen dem „Mariandl“Wachau-Klischee alle Ehre machen würde. Dass ausgerechnet hier das Wiener Kriminalmuseum untergebracht ist, lässt sich wohl nur mit dem Hang der Wiener zur Morbidität erklären: Blut und Beuschel gepaart mit Heurigen-Gmiatlichkeit.

Mordwaffen, eingeschlagene Schädeln, zeitgenössische Zeichnungen und lebensgroße Laubsägearbeiten der brutalsten Morde der österreichischen und besonders der Wiener Geschichte – in den Schauräumen geht es ordentlich zur Sache. Raub-, Gift-, Lust-, Doppel- und Serienmorde, Sprenganschläge und Messerattacken reihen sich aneinander, dazwischen Porträts von Kriminellen wie Raubmörder Severin von Jaroszynski, die Giftmörderin Julie von Ebergenyi und dem Würger von Wien, Harald Sassak. Selbst ein niedlich verstecktes Eck über Pornographie und Prostitution findet sich im Keller, der so wirkt, als wäre er selbst mehrfach Tatort von Bluttaten gewesen.

Trotz all der Bluttaten wirkt das Museum zuweilen unfreiwillig komisch – offensichtlich bin ich als Wahl-Wiener schon zu abgebrüht. Beim Ausgang blättere ich mich mit Wolfgang Ambros‘ „Schau, da liegt a Leich im Rinnsal, ’s Blut rinnt in’n Kanal“ auf den Lippen durch die Bücher auf dem Verkaufstresen, wo Titel wie „Erinnerungen des österreichischen Scharfrichters“ aufliegen. Erst im allerletzten Moment ergreift mich die kalte Hand des Horrors: Das Handy der Kassierin beginnt zu läuten, Nik P. singt „Einen Stern, der deinen Namen trägt …“, bis die Mitvierzigerin mit „Hallo Butzerl!“ abhebt. Mit einer Gänsehaut verlasse ich den Mariandl-Hof des Horrors.

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