Mein katholisches Knabeninternat

Petrinum

Petrinum

Zuerst war es ein Jesuiten-Kolleg in Berlin, dann ein Internat im Schwarzwald, danach eine Zisterzienserschule in Vorarlberg, gestern die katholische Schule in Kremsmünster und heute das Stift Wilhering: Die Fälle von sexuellem Missbrauch an katholischen Bildungseinrichtungen rücken immer näher – ich wappne mich für die Nachricht, dass es auch an meiner ehemaligen Schule solche Vorfälle gegeben hat.

Ja, ich war auf einer katholischen Privatschule, genauer dem Petrinum in Linz. Ich habe in den acht Jahren im Knabeninternat  den Schlafsaal mit bis zu 15 anderen Schülern geteilt. Ich habe (unter anderen) Theologen und Priester als Lehrer und Erzieher gehabt. Und ich habe immer wieder von anderen Schülern Scherze über sexuelle Übergriffe durch das Lehrpersonal gehört.

Es blieb allerdings bei den Scherzen. Niemals bin ich Zeuge eines sexuellen Übergriffs geworden, geschweige denn Opfer. Körperliche Züchtigung durch die Erzieher habe ich nie erlebt – nur die Hackordnungsrituale älterer Schüler, die die jüngeren gebäuchelt, gebockt oder gegumpft haben (zur Info für Internats-Unerfahrene: Das sind schmerzhafte, aber absolut asexuelle Foltermethoden). Also Entwarnung? Vielleicht.

Vielleicht auch nicht. Nur weil ich nichts bemerkt habe, heißt das nicht, dass es keine Übergriffe gegeben hat. Einige der aktuellen Missbrauchsvorwürfe beziehen sich auf Fälle, die mehr als 50 Jahre zurückliegen – 50 Jahre lang haben die Opfer niemandem etwas erzählt. Und nun schafft der große Medienrummel ein gesellschaftliches Problembewusstsein, sodass sich die Opfer endlich jemandem anvertrauen.

Es wird weitere Vorwürfe geben. Vorwürfe gegen Menschen, die freundlich und gesellig sind. Die ein normales Leben führen. Denen man so etwas nie zugetraut hätte. Vorwürfe vielleicht auch gegen Pädagogen an meiner Ex-Schule. Die Opfer verdienen die Wahrheit. Und die Täter auch.

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5 Antworten zu Mein katholisches Knabeninternat

  1. Elisa schreibt:

    Hackordnung im (katholischen) Internat? Kommt mir sehr bekannt vor.
    Ja, sowohl Opfer als auch Täter verdienen die Wahrheit. Und adäquate Unterstützung, auch wenn sich diese in ihrer Form natürlich unterscheidet. Fromme, salbungsvolle Worte sind fehl am Platz. Und ich hoffe, in der katholischen Kirche sickert es ins Bewusstsein, dass man auch den Tätern durch das Vertuschen keinen guten Dienst erwiesen hat.

    • belicht schreibt:

      ORF-Pressestunde heute: Kardinal Schönborn will eine „unabhängige Opferkommission“ – jetzt kann man nur hoffen, dass die wirklich aufarbeiten kann und nicht einfach nur das Feigenblatt für die Kirche ist.

      Welches Internat, wenn ich fragen darf?

  2. Elisa schreibt:

    Ursulinen, Klagenfurt.

    Hmmm. Manches, was jetzt einige Vertreter des Klerus sagen, stimmt mich zuversichtlich, dass einiges in Bewegung gekommen ist, etwa die Erkenntnis, dass die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche massiv in Frage gestellt wird. Aber mit an und für sich loyalen, aber halt durchaus kritischen denkenden Menschen, die sich erlauben, am System Kirche Kritik zu üben, tun sie sich immer noch schwer. Daran wird sich nicht so schnell was ändern, fürchte ich. Schlimm fände ich es, wenn erst durch eine außerordentlich hohe Anzahl an Kirchenaustritten die Gier dazu beiträgt, was zu unternehmen.

    Schönborn hat natürlich im Umgang mit Medien einiges gelernt in den letzten 15 Jahren seit der Causa Groer – aber leere Worte ohne konkrete Taten, das werden ihm viele wohl nicht mehr verzeihen.

    • belicht schreibt:

      Hmm. Bin überrascht zu hören, dass es auch in einem Mädchen-Internat Hackordnungen gegeben hat. Mir ist nur von typischer Cliquen-Bildung erzählt worden, nichts von Folterritualen.

      Zu den Kirchenaustritten: Finde es verständlich, wenn Leute wegen dem Missbrauchsskandal nicht mehr bei dem Verein sein wollen – und es werden viele sein. Prinzipiell sollte man bei der Kirche sein, weil man sich mit den Glaubensinhalten und der Institution identifizieren kann. Ich kenne aber viele, die vielmehr wegen der Familie (die Mama, die Oma) bei der Kirche bleiben.

  3. Elisa schreibt:

    Es waren jetzt nicht von oben geduldete, öffentliche Folterrituale. Aber es gab auch gewisse Liebkinder. Und wenn man selbst in einer Position war, wo man anderen überlegen war, und sei es nur durch das fortgeschrittene Alter oder auch im intellektuellen Sinne, hat man versucht, Kapital daraus zu schlagen. Da gab es auch Demütigungen, Wunden, Ausgrenzung. Erst später, in der Reflexion, ist mir das so richtig bewusst geworden.

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